Ja wie denn nun?

Als New Kid on the Blog finde ich es immer wieder faszinierend, in die Entwicklungen vor meiner Zeit als Tango Blogger hineinzuschauen. Heute möchte ich mich mit dem richtigen Tango Unterricht beschäftigen. Grundlage für diesen Artikel sind Beiträge der beiden Tango Blogger Kollegen Gerhard Riedl und Jochen Lüders. Die beiden verbindet eine innige Männerfreundschaft: Seit mehr als sieben Jahren bekriegen sie sich und lassen kein gutes Haar am jeweils anderen. 

Seit knapp drei Jahren streiten sich die beiden um den richtigen Tango Unterricht. Lüders hat vorgelegt und 2020 in diesem Blog Beitrag seine Vorstellungen von einem guten Unterricht ausführlich dargelegt. Riedl hat 2022 seine Gegenposition beschrieben. Diese wurde unmittelbar danach von Lüders in diesem Blog Beitrag auseinander genommen. Das konnte Riedl natürlich nicht auf sich sitzen lassen und hat nun auf den Beitrag geantwortet. Was wiederum diese Antwort von Lüders zur Folge hatte.

Meine eigenen Ideen zum Tango Unterricht habe ich in diesem Blog Beitrag zusammengefasst. Gerade bei Lüders' erstem Artikel unterschreibe ich die meisten Punkte sofort. Aber trotzdem kommen mir einige Punkte doch sehr skurril vor, und ich bin in meinem Blog Beitrag auf einige spezifische Aspekte gar nicht eingegangen, die den beiden anderen wichtig sind. Darum möchte ich hier meinen vorigen Beitrag noch etwas ergänzen.

Allein oder zusammen?

Ein ganz grundsätzlicher Punkt ist mir sehr wichtig: Die Aufgabe des Führenden besteht darin, zu führen. Deswegen ist es für mich extrem skurril, dass von beiden Bloggern vorgeschlagen wird, dass beide Tanzpartner neue Figuren zunächst einmal getrennt einüben sollen (Lüders) bzw. man auch mal alleine tanzen sollte (Riedl).

Von diesem Vorgehen halte ich gar nichts. Und zwar vor allem deswegen, weil der Fokus (sowohl des Führenden als auch der Folgenden) in eine völlig falsche Richtung gelenkt wird:

  • Wenn der Führende alleine übt, dann konzentriert er sich auf seine eigenen Schritte statt auf die Schritte seiner Tanzpartnerin. Ich habe in diesem Beitrag genauer beschrieben, warum das im Tango nicht zielführend ist.
  • Wenn die Folgende alleine übt, dann konzentriert sich so sehr auf ihre eigenen Bewegungen, dass sie dazu neigt, Führungsimpulse zu ignorieren, mit denen ein Führender jeden einzelnen Schritt modifizieren kann. Ich habe auf Milongas schon mit etlichen Frauen getanzt, die
    • das Kreuz grundsätzlich mit doppeltem Tempo tanzen,
    • sich beim Rückwärts-Ocho immer um 180 Grad drehen,
    • aus dem Sandwich nur einen einzigen Ausgang kennen,
    • bewusst eingesetzte Pausen ignorieren.

Die wichtigste Fähigkeit, die eine Folgende beherrschen muss, besteht darin, sich führen zu lassen. Mir ist ein völliges Rätsel, wie sie das ohne Führenden einüben soll.

Lüders nennt als Beispiel den Rückwärts-Ocho, der seiner Auffassung nach unbedingt getrennt eingeübt werden sollte. Den Grund dafür verstehe ich nicht. Ein Rückwärts-Ocho ist eine Schrittfolge, die aus drei Elementen besteht:

  1. Die Folgende wird auf ihre Achse geführt.
  2. Die Folgende macht einen Pivot.
  3. Die Folgende macht einen Rückwärtsschritt.

Warum sollte eine Folgende diese drei Elemente alleine üben? Und vor allem: Wie soll ein Führender die Führung dieser Schrittfolge lernen, wenn er keine Folgende hat und er daher auch kein Feedback bekommt, was seine Führungssignale bei der Folgenden auslösen?

Wichtig ist mir dabei insbesondere der Punkt 2: Dem Führenden muss klar sein, dass er mit seinem mehr oder weniger starken Führungsimpuls für den Pivot einen kleineren oder größeren Drehwinkel erreicht. Wie erreicht man einen Drehwinkel von 90 Grad, 180 Grad oder gar 270 Grad? Mir ist völlig schleierhaft, wie ein Führender das ohne Folgende einüben soll.

Die Musik

Die beiden Blogger streiten sich außerdem darüber, was die passende Musik für den Unterricht ist.

Nunja: Ich selbst bin erstens faul und zweitens kein DJ. Deswegen habe ich mir die Musik bei diesem argentinischen Tango Lehrer Paar abgeschaut. Sie setzen in ihrem Unterricht nur zwei Tangos ein, die gerade nicht aus der goldenen Epoche stammen sondern von einem modernen Orchester:

Das reicht für den normalen Tango Unterricht völlig aus. Beide Stücke haben sowohl melodische als auch rhythmische Teile, sodass man im Unterricht alles erklären kann und alle Figuren unterbringen kann.

Zugegeben: Wenn man im Tango sehr weit fortgeschritten ist, dann kann man sich auch Gedanken machen über die Charakteristika der verschiedenen Orchester der Goldenen Epoche. Aber für die ersten paar Jahre würde ich doch stark empfehlen diese Dimension der Komplexität erst einmal aus dem Unterricht herauszunehmen.

Practica oder Unterricht?

Riedl schwört darauf, dass man den größten Lernerfolg erzielt, indem man selber tanzt und sich die Figuren von guten Tänzern abschaut. Er weist zu Recht darauf hin, dass Tango genauso entstanden ist, und dass auch die großen Milongueros und Milongueras der Goldenen Epoche Tango auf diese Art gelernt haben. Vor 140 bzw. vor 80 Jahren gab es keinen Tango-Unterricht, sondern die Männer haben einfach das Tanzen geübt, meistens sogar untereinander, und den Tango dadurch gelernt, dass sie anderen, besseren Tänzern zugesehen haben.

Diese Beobachtung ist zwar richtig, aber meiner Meinung nach auf die heutige Zeit nicht übertragbar. Damals gab es weder Radio noch Fernsehen noch Internet, sodass die Menschen ihre Freizeit ganz anders gestaltet haben als wir es heute tun. Ich denke, dass man heutzutage niemanden mehr für Tango begeistern könnte, wenn man ihm sagt, dass er jeden Abend zwei bis drei Stunden (Minimum) tanzen muss, wenn er mit den anderen Tänzern auf einer Milonga mithalten möchte.

Zweitens muss insbesondere ein Anfänger auch erst einmal lernen, worauf er beim Tanzen achten muss. Wenn ein Führender nicht weiß, wie Führung grundsätzlich funktioniert, dann wird er es nur durch Zuschauen und Ausprobieren auch nicht lernen. Hier beschleunigt die Erklärung durch einen erfahrenen Tänzer / Lehrer / Mentor (zusätzlich zum Üben, Üben, Üben) den Lernerfolg enorm.

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