Anfänger? Oder Fortgeschrittener? Oder beides?

Für den Tango scheint es sehr wichtig zu sein, die Fähigkeiten der Tänzer in verschiedene Stufen einzuteilen. Da gibt es Unterricht, der sich spezifisch an Anfänger oder an die Mittelstufe wendet, Da gibt es Workshops nur für Fortgeschrittene bis hin zur Masterclass. Oder das genaue Gegenteil: Es gibt Workshops zur Musikalität oder zur Kommunikation im Paar, die angeblich für Tänzer aller Niveaus geeignet sind.

Die Meinungen darüber, was einen fortgeschrittenen Tänzer ausmacht, gehen dabei allerdings weit auseinander. Für die eine Tanzschule reicht dafür schon ein Jahr Tanzerfahrung, bei einer anderen sollte man bei genau dem Lehrer, der den Workshop leitet, das Curriculum bis zum Ende der Mittelstufe erfolgreich abgeschlossen haben. 

Ich persönlich finde das alles sehr verwirrend, insbesondere den Anspruch, die Fähigkeiten eines Tango Tänzers in einem einzigen Attribut beschreiben zu wollen.

Ich habe in diesem Blog Beitrag die drei Säulen vorgestellt, auf denen meiner Meinung nach der Tango beruht:

  1. Auf meinen eigenen Fähigkeiten (als Führender),
  2. auf meiner Tanzpartnerin,
  3. auf der Musik.

Dementsprechend gibt es aus meiner Sicht mindestens diese drei Dimensionen, die man bei der Einstufung der Fähigkeiten berücksichtigen sollte. Ich selbst nutze diese Stufen weniger um mich selbst oder andere Menschen zu bewerten. Es ist eher Mittel um zu sehen, wo ich mich in letzter Zeit weiterentwickelt habe und wo es noch Luft nach oben gibt.

  1. Meine eigenen Fähigkeiten lassen sich gut durch die Figuren beschreiben, die ich führen kann.
    1. Als Anfänger beginne ich mit keinerlei Kenntnissen. Am Ende dieser Stufe kann ich die regulären Figuren führen (Gehen in allen Richtungen, Drehungen nach links und nach rechts, Ochos, Kreuz, Sandwich).
    2. In der Mittelstufe lerne ich, diese Figuren zu variieren, also zum Beispiel lerne ich den geerdeten Gehstil der Milonga genauso wie das luftige Gehen im Vals. Oder ich lerne, Ochos nicht nur im Tango zu führen sondern auch schneller, mit kleineren Schritten und kleineren Drehwinkeln in der Milonga.
      Zusätzlich beginne ich damit, komplexere Figuren zu lernen (Ganchos, Boleos, Sacadas, Volcadas, Colgadas usw.)
    3. Als Fortgeschrittener beherrsche ich die Grundsätze aller Figuren und lerne nun, diese beliebig zu variieren und angepasst zur Musik einzusetzen.

  2. Die zweite Dimension beschreibt meine Fähigkeit, mit unterschiedlichen Tanzpartnerinnen zu tanzen.
    1. Als Anfänger kann ich die Figuren, die ich gelernt habe, im wesentlichen zusammen mit der Tanzpartnerin tanzen, mit der zusammen ich die Figuren gelernt habe. Und vielleicht auch noch mit den anderen Teilnehmerinnen des Tanzkurses, den ich besuche, zumindest dann, wenn im Unterricht die Tanzpartner gewechselt werden.
    2. In der Mittelstufe lerne ich, meine Figuren auch mit anderen Tanzpartnerinnen zu tanzen. Dabei berücksichtige ich neben meinen eigenen Fähigkeiten auch die Fähigkeiten und die Vorlieben meiner Tanzpartnerin. 
      Zum Beispiel legt üblicherweise die Folgende den Abstand zwischen Führendem und Folgender fest. Ich muss also als Führender mit allen Umarmungen klarkommen, von sehr eng bis sehr weit. Wenn nun eine Tanzpartnerin mit mir lieber in einer offenen Umarmung tanzt und 30cm Sicherheitsabstand zu mir einhält, dann werde ich ihr ganz sicher keine Volcada vorschlagen.
    3. Als fortgeschrittener Tänzer steht der Dialog im Paar im Vordergrund, zu dem beide beitragen. Tango ist ein Paartanz, in den beide Tanzpartner ihre eigenen Fertigkeiten und Eigenschaften gleichberechtigt einbringen. Damit muss ich als fortgeschrittener Führender umgehen können. 
      Die meisten Folgenden interpretieren ihre Rolle eher passiv. Aber eine Folgende kann den Tanz  selbstverständlich auch aktiv mitgestalten. Vor ein paar Wochen sagte zum Beispiel eine Tanguera zu mir: "Du bist auf dieser Milonga der einzige Mann, der meine Dynamik nicht ausbremst sondern meinen Schwung für seine Figuren nutzt." Genau darum geht es in diesem Dialog im Paar.

  3. Die dritte Dimension der Fertigkeiten behandelt die Musikalität.
    1. Als Anfänger lernt man, Tango, Vals und Milonga zu unterscheiden. Das eigene Repertoire wird an die unterschiedlichen Tanzstile angepasst. 
    2. In der Mittelstufe lernt man, melodische und rhythmische Phrasen innerhalb eines Stückes zu erkennen und jeweils tänzerisch angemessen zu interpretieren.
    3. Als Fortgeschrittener lernt man, auch komplexe Wechsel zwischen melodischen und rhythmischen Teilen eines Liedes angemessen zu interpretieren. Um es auf den Punkt zu bringen:
      • Ein musikalisch fortgeschrittener Tänzer hat kein Problem damit, zu Osvaldo Pugliese zu tanzen.
      • Für einen musikalisch fortgeschrittenen Tänzer ist es keine stressige Herausforderung, sondern es macht Spaß, Stücke wie den Citetango von Astor Piazzolla tänzerisch zu interpretieren.

Nach meinen Beobachtungen sind diese drei Dimensionen unabhängig voneinander. Es gibt zum Beispiel traditionelle Tänzer, die mit Colgadas, Volcadas usw. nichts am Hut haben. Aber sie sind trotzdem in der Lage, auf ihre Tanzpartnerinnen sehr genau einzugehen und sie können die Musik sehr präzise und abwechslungsreich tänzerisch interpretieren.

Umgekehrt gibt es Führende, die zwar ein großes Repertoire an Figuren beherrschen, das sie aber nicht wirklich passend zur Musik einsetzen. Da wird dann gerne mal eine Volcada in die Milonga eingebaut oder es wird auf jeden Taktschlag ein Schritt gemacht, auch wenn die Melodie etwas ganz anderes sagt. Und da sie als Führender die Figuren vorgeben, sind eigene Ideen ihrer Tanzpartnerinnen eher unerwünscht.

Zusammengefasst also: Ja, es ist durchaus möglich, in einer Dimension fortgeschrittener Tänzer zu sein und sich in einer anderen Dimension eher auf dem Niveau der Mittelstufe zu bewegen.

Kommentare

  1. > Ja, es ist durchaus möglich [...] Niveau der Mittelstufe zu bewegen.

    Stimmt, häufig ist es noch extremer. Viele spulen ein beeindruckendes Repertoire an Figuren ab, sind musikalisch aber auf dem Niveau eines kompletten Anfängers. Sie hören keine Einleitung (bzw. warten sie nicht ab), hören die betonten Taktschläge nicht, tanzen über Pausen drüber, können das Ende nicht antizipieren, treffen beim Vals die 1 nicht usw.

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