Tradition und Moderne : Die Musik

Leider zieht sich ein großer Riss durch die Tango-Community. Dieser Riss spaltet die Tango Tänzer zwischen "Traditionalisten" und "Modernen". Grob vereinfacht gesagt: Die Traditionalisten akzeptieren nur die Musik der goldenen Epoche (Epoca de Oro / EdO) als einzig mögliche Musik, auf die man Tango tanzen kann. Die Modernen dagegen akzeptieren alle mögliche Musik, insbesondere auch so genannte "Non-Tango", wenn man darauf nach ihrer Ansicht Tango tanzen kann. Also im Prinzip alles, was im 4/4, 3/4 oder 4/8 Takt gespielt wird.

In diesem Artikel stelle ich meine Sicht auf die Musik dar, wie üblich ohne jeden Anspruch auf Vollständigkeit oder absolute Wahrheit. Dabei habe ich eine etwas differenziertere Sicht auf die Welt und ich plädiere für etwas mehr Toleranz auf beiden Seiten.

Ich sehe die folgende Aufteilung:

Die traditionelle Tango Musik steht im Kern. Die schlechte Nachricht für die Modernen: Man muss sie einfach kennen, um den Tango zu verstehen. Ohne diesen Kern kann man die modernen Entwicklungen nicht verstehen und nicht einordnen. 

Allerdings bin ich hier auch nicht ganz auf Seiten der Traditionalisten. "Kennen" heißt für mich nicht, jede einzelne Phrase in jedem einzelnen Tango der goldenen Epoche zu kennen. Ich plädiere mehr für ein Wissen in der Breite statt in der Tiefe. Wenn ich einen di Sarli von einem Pugliese unterscheiden kann, dann ist das schon mal eine gute Basis, um auch zu anderer Tangomusik zu tanzen.

Vielleicht ist ein Vergleich aus dem richtigen Leben hilfreich: Ich kenne einige "Wagnerianer", für die der "Ring des Nibelungen" das höchste Kunstwerk ist, das jemals von einem Menschen geschaffen wurde. Ich habe den Ring inzwischen auch schon ein paar Mal gesehen, und ja: Es ist ein beeindruckendes Werk, das auch heute noch seinen Reiz hat. Ich kann jedem nur empfehlen, ihn einmal komplett zu sehen. Aber es gibt es eben auch noch andere Opern, von Händel über Verdi und Puccini bis Janáček. Soll ich auf diese alle verzichten, nur weil ich das Siegfried-Thema nicht auswendig auf ein Notenblatt schreiben kann? Natürlich nicht!

Die nächste Stufe besteht für mich aus den Cover-Versionen des traditionellen Tangos. Das kann in unterschiedlichen Ausprägungen geschehen. Hugo Diaz spielt Tango auf einer Mundharmonika, und viele der modernen Orchester spielen die traditionellen Tangos nicht in der großen Besetzung mit 32 Geigen und 8 Bandoneons, sondern eher im Arrangement eines Kammerorchesters.

Das ist für Traditionalisten ein Unding. Aber das Beispiel von Hugo Diaz zeigt, dass eine Cover Version sogar noch viel intensiver und emotionaler gespielt werden kann als das Original.

Interessanterweise haben auch viele der modernen Elektro-Tango Bands zunächst damit angefangen, eigene Interpretationen der traditionellen Musik einzuspielen, bevor sie einen eigenen Stil entwickelt und eigene Stücke komponiert haben. Natürlich ist der "Tango Punk" einer Cachivache den Traditionalisten ein Gräuel. Aber tanzbar sind diese Cover Versionen allemal, und die Energie, die dabei versprüht wird, ist einfach mitreißend.

Inzwischen gibt es weitere Entwicklungen der Musik, die sich unabhängig machen von den Traditionen. Tango Nuevo (gibt es außer Piazolla eigentlich noch einen Vertreter dieser Richtung?) ist wohl das bekannteste Beispiel. Aber gerade im Bereich des Elektrotango gibt es viele interessante (und tanzbare) Entwicklungen. Das Gotan Project dürfte eines der bekanntesten Beispiele sein, aber auch Otros Aires und andere feiern große Erfolge.

Hierbei ist es wie bei allen modernen Entwicklungen: Nicht alles, was modern ist, ist auch gut. Vielleicht hilft auch hier wieder ein Beispiel aus dem realen Leben zur Erläuterung, was ich damit meine:

  • Wenn ich moderne Musik mag: Muss ich dann auch John Cage mögen? Nein!
  • Wenn ich in ein Konzert mit Musik des 20. Jahrhunderts gehe, muss ich es dann ertragen, wenn dort neben Schostakowitsch, Ligeti und Britten auch ein Stück von Cage gespielt wird: Ja!
  • Wenn ich Elektro-Tango mag: Muss ich dann auch Tangowerk mögen? Nein!
  • Wenn ich auf eine Milonga gehe, die angekündigt ist als "20% traditionell / 80% Neo- und Non-Tango", muss ich es dann ertragen, wenn eine Tanda lang Tangowerk gespielt wird? Ja!

Insofern bitte ich alle Tango-Tänzer an dieser Stelle um etwas mehr Toleranz.

Im Bereich des Non-Tango kann ich keine allgemeingültigen Aussagen treffen. Natürlich kann man auf die meisten Walzer auch Valse tanzen. Aber generell hängt im Bereich des Non-Tango die Tanzbarkeit doch sehr vom Geschmack des DJs ab. Hier gibt es Musik, die mir sehr gut gefällt und zu der ich auch gut tanzen kann. Aber es gibt eben auch DJs, die unter "tanzbar" etwas ganz anderes verstehen als ich. Deswegen entscheide ich im Einzelfall, ob ich auf die Milonga mit einem bestimmten DJ gehe oder lieber nicht. Aber das finde ich nicht weiter schlimm. Es gibt (zumindest bei uns im Rhein-Main-Neckar Gebiet) inzwischen so viel Auswahl an Milongas, dass man sich nicht an einen bestimmten DJ binden muss.

Zusammengefasst: Tango tanzen ist für mich ein kreativer Prozess, bei dem Musik in Bewegung umgesetzt wird. Wenn die Musik meine Kreativität fördert, dann ist das zunächst einmal gut für meine Art Tango zu tanzen. Deswegen:

  • Wenn es sich anhört wie Tango,
  • wenn es sich anfühlt wie Tango,
  • wenn es sich tanzen lässt wie Tango,
  • dann ist es für mich auch Tango!

Zum Schluss noch eine Anmerkung: Muss Tango eigentlich immer bitter ernst sein? Ich denke nicht. Man darf sich zwischendurch auch mal so etwas wie "Allerdings" von Otros Aires gönnen.

Insofern: Genießt die Musik und habt Spaß beim Tanzen!

Ergänzung: Jochen Lüders hat meinen Artikel aufgegriffen und um viele konkrete Beispiele ergänzt. Ihr findet seinen lesens- und hörenswerten Blog Beitrag hier.

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